
Reicht mein Vermögen für den Ruhestand? 8 Fragen, die Sie vor Rentenbeginn klären sollten
Der Ruhestand rückt näher, das Depot ist gut gefüllt, die Immobilie vielleicht weitgehend bezahlt und verschiedene Rentenansprüche sind vorhanden. Trotzdem bleibt bei vielen Menschen eine entscheidende Frage:
Reicht das wirklich für den Rest meines Lebens?
Eine bestimmte Vermögenssumme allein beantwortet diese Frage nicht. 500.000 Euro können für einen Menschen komfortabel ausreichen und für einen anderen deutlich zu wenig sein. Entscheidend ist das Zusammenspiel aus gewünschtem Lebensstandard, laufenden Einkünften, verfügbarem Vermögen, Steuern, Inflation, Risiken und der Frage, wie das Vermögen im Ruhestand genutzt werden soll.
Eine gute Ruhestandsplanung beginnt deshalb nicht mit einer pauschalen Entnahmeregel, sondern mit einigen sehr konkreten Fragen.
1. Wie viel möchten Sie im Ruhestand tatsächlich ausgeben?
Am Anfang steht nicht das Vermögen, sondern Ihr Leben.
Wie möchten Sie wohnen? Wie wichtig sind Reisen? Unterstützen Sie Kinder oder andere Familienmitglieder? Stehen größere Anschaffungen an? Möchten Sie Ihre Immobilie behalten oder später verändern?
Dabei reicht es häufig nicht, die heutigen Ausgaben einfach fortzuschreiben. Der Ruhestand hat unterschiedliche Phasen. In den ersten Jahren werden oft mehr Reisen und Aktivitäten geplant. Später können andere Ausgaben wichtiger werden.
Erst wenn ein realistischer Finanzbedarf sichtbar ist, lässt sich beurteilen, welches Einkommen und welche Vermögensentnahmen dafür notwendig sind.
2. Welche regelmäßigen Einkünfte stehen Ihnen tatsächlich zur Verfügung?
Im nächsten Schritt werden alle erwartbaren Einkommensquellen zusammengeführt.
Dazu gehören beispielsweise gesetzliche und betriebliche Renten, private Renten, Mieteinnahmen oder andere regelmäßige Einkünfte.
Entscheidend ist dabei nicht nur die Bruttohöhe. Relevant ist, welcher Betrag nach Steuern sowie Kranken- und Pflegeversicherungsbeiträgen tatsächlich für Ihren Lebensstandard zur Verfügung steht.
Erst aus dem Vergleich zwischen benötigtem Einkommen und laufenden Einnahmen entsteht die eigentliche Finanzierungslücke.
3. Wie groß ist die Lücke, die Ihr Vermögen schließen muss?
Wenn Sie beispielsweise monatlich 5.000 Euro benötigen und Ihnen aus laufenden Einkünften 3.500 Euro zur Verfügung stehen, müssen zunächst 1.500 Euro aus Ihrem Vermögen finanziert werden.
Damit verändert sich die Fragestellung. Nicht mehr: „Sind 600.000 Euro viel oder wenig?“ Sondern: „Kann dieses Vermögen die fehlenden 1.500 Euro monatlich über einen ausreichend langen Zeitraum ergänzen?“
Pauschale Entnahmeregeln können dafür eine erste Orientierung liefern. Für eine individuelle Entscheidung ersetzen sie jedoch keine Planung, denn Lebensdauer, Inflation, Kapitalmarktrenditen und persönliche Ziele können sich erheblich unterscheiden.
4. Welches Vermögen steht für den Ruhestand wirklich zur Verfügung?
Nicht jeder Vermögenswert erfüllt dieselbe Aufgabe.
Ein Wertpapierdepot ist etwas anderes als eine selbst bewohnte Immobilie. Tagesgeld erfüllt eine andere Funktion als langfristige Aktienanlagen. Ein Rentenvertrag lässt sich anders einsetzen als frei verfügbares Kapital.
Deshalb sollte eine Ruhestandsplanung nicht einfach alle Vermögenswerte zu einer Gesamtsumme addieren. Die wichtigere Frage lautet: Welche Aufgabe soll welcher Teil Ihres Vermögens übernehmen?
Ein Teil kann kurzfristige Ausgaben und Reserven finanzieren. Ein anderer kann langfristig investiert bleiben. Weitere Vermögensbestandteile sollen vielleicht der Familie erhalten bleiben oder später weitergegeben werden.
Genau an dieser Stelle greifen Ruhestandsplanung und Vermögensplanung ineinander.
5. Was passiert, wenn die Kapitalmärkte gerade zu Beginn schlecht laufen?
Dieser Punkt wird häufig unterschätzt.
Wer Vermögen aufbaut, kann schwächere Börsenphasen häufig aussitzen und weiter investieren. Wer dagegen bereits regelmäßig Geld aus seinem Depot benötigt, befindet sich in einer anderen Situation.
Fallen die Märkte unmittelbar nach Beginn des Ruhestands deutlich und müssen gleichzeitig größere Beträge verkauft werden, steht anschließend weniger Kapital für eine spätere Erholung zur Verfügung.
Deshalb sollte eine Planung nicht nur mit einer langfristigen Durchschnittsrendite rechnen. Eine wichtige Frage lautet vielmehr: Was passiert mit Ihrem Finanzplan, wenn die ersten Jahre schlechter verlaufen als erwartet?
Hier werden Liquiditätsreserven, die Zusammensetzung des Portfolios und eine flexible Entnahmestrategie entscheidend.
6. Wie viel Risiko können – und wie viel Risiko wollen – Sie tragen?
Das sind zwei unterschiedliche Fragen.
Die Risikotragfähigkeit beschreibt, welche finanziellen Verluste Ihre Planung verkraften könnte, ohne dass wesentliche Ziele gefährdet werden.
Die Risikobereitschaft beschreibt dagegen, mit welchen Schwankungen Sie persönlich leben können.
Jemand kann finanziell eine hohe Aktienquote tragen und trotzdem bei größeren Kursverlusten erhebliche Schwierigkeiten haben, an seiner Strategie festzuhalten. Umgekehrt kann jemand sehr risikofreudig sein, obwohl seine finanzielle Situation größere Verluste kaum zulässt.
Eine tragfähige Ruhestandsstrategie sollte deshalb beide Perspektiven miteinander verbinden.
7. Wie steuerlich effizient sind Ihre Entnahmen organisiert?
Spätestens in der Entnahmephase wird die Struktur des Vermögens auch steuerlich relevant.
Bei einem Wertpapierdepot entscheidet nicht nur, wie viel verkauft wird, sondern auch, welche Anteile verkauft werden. Durch das steuerliche FIFO-Prinzip können bei Verkäufen zunächst ältere Anteile mit entsprechend hohen aufgelaufenen Gewinnen als veräußert gelten. Dadurch können früher oder stärker Steuern anfallen, als es bei einer anders strukturierten Vermögensanlage der Fall wäre.
Eine vorausschauende Depotstruktur kann deshalb helfen, spätere Entnahmen flexibler zu steuern. Je nach Situation kann beispielsweise die Aufteilung auf verschiedene Depots oder Unterdepots sinnvoll sein.
Auch die Frage Depot oder Versicherungshülle sollte nicht pauschal beantwortet werden. Klassische Fondspolicen können hohe Abschlusskosten, eingeschränkte Flexibilität und eine begrenzte Fondsauswahl mit sich bringen. Eine kostengünstige Nettopolice kann je nach Kosten, Steuern, Flexibilität und Risiken ebenfalls eine Option sein.
Sie verursacht zusätzliche Kosten und bringt die rechtliche Ebene eines Versicherungsvertrags mit sich. Je nach Vertragsgestaltung können sich bei Umschichtungen und späteren Auszahlungen steuerliche Unterschiede ergeben.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: „Depot oder Versicherung – was ist besser?“ Sondern: „Welche Kombination ist nach Kosten, Steuern, Flexibilität und Risiken für Ihre konkrete Situation sinnvoll?“
Gerade bei größeren Vermögen kann eine Kombination verschiedener Strukturen sinnvoller sein als eine einzige Lösung für das gesamte Vermögen.
8. Was soll mit Ihrem Vermögen am Ende geschehen?
Auch diese Frage verändert den Finanzplan erheblich.
Möchten Sie Ihr Vermögen während des Ruhestands bewusst verbrauchen? Soll eine bestimmte Summe erhalten bleiben? Möchten Sie Kinder bereits zu Lebzeiten unterstützen? Soll eine Immobilie weitergegeben werden? Oder steht möglichst viel finanzieller Spielraum für das eigene Leben im Vordergrund?
Es gibt darauf keine allgemein richtige Antwort. Aber ohne diese Entscheidung lässt sich kaum bestimmen, wie viel Vermögen Sie im Laufe Ihres Ruhestands sinnvoll entnehmen können.
Eine Planung mit bewusstem Kapitalverzehr sieht grundlegend anders aus als eine Planung, bei der das Vermögen möglichst vollständig erhalten bleiben soll.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Wie viel Vermögen haben Sie?
Sondern: Wie gut passen Ihre Einkünfte, Ihr Vermögen, Ihre Ausgaben, Ihre Steuerstruktur und Ihre Risiken zu dem Ruhestand, den Sie tatsächlich leben möchten?
Eine einzelne Vermögenszahl kann darauf keine belastbare Antwort geben.
In einer ganzheitlichen Finanzplanung werden deshalb Vermögen, Liquidität, Altersvorsorge, Steuern, Immobilien, Absicherung und unterschiedliche Zukunftsszenarien miteinander verbunden.
Vielleicht zeigt die Planung, dass Ihr Vermögen problemlos reicht. Vielleicht wird sichtbar, dass Sie heute noch etwas verändern sollten. Und manchmal ist das wichtigste Ergebnis sogar, dass Sie sich mehr leisten können, als Sie bisher gedacht haben.
Denn auch unnötige finanzielle Vorsicht kann Lebensqualität kosten.
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