
Nachhaltige Geldanlage: Was sie leisten kann – und was nicht
Nachhaltigkeit ist längst auch in der Geldanlage angekommen. Viele Anlegerinnen und Anleger möchten heute wissen, was mit ihrem Geld passiert. Sie möchten nicht nur Rendite erzielen, sondern auch ökologische, soziale oder ethische Aspekte berücksichtigen.
Das ist nachvollziehbar. Denn Kapital hat Einfluss. Unternehmen, Staaten und Projekte benötigen Geld, um zu wachsen, zu investieren und sich weiterzuentwickeln. Wenn immer mehr Kapital in Richtung nachhaltiger Geschäftsmodelle fließt, kann das langfristig Veränderungen fördern.
Trotzdem ist eine ehrliche Einordnung wichtig: Nachhaltig investieren bedeutet nicht automatisch, dass mit jedem investierten Euro unmittelbar ein messbarer positiver Effekt entsteht. Gerade bei Investmentfonds und ETFs kaufen Anlegerinnen und Anleger häufig Anteile am Sekundärmarkt. Das heißt: Es wird meist nicht direkt neues Kapital an ein Unternehmen oder ein nachhaltiges Projekt gegeben, sondern ein bereits bestehendes Wertpapier von einem anderen Marktteilnehmer gekauft.
Das ist nicht wirkungslos. Es kann langfristig Einfluss auf Bewertungen, Kapitalkosten, Unternehmensstrategien und die öffentliche Wahrnehmung haben. Aber es ist etwas anderes als eine direkte Finanzierung eines Windparks, einer Solaranlage, eines sozialen Wohnprojekts oder eines nachhaltigen Infrastrukturprojekts.
Direkter Impact entsteht eher dort, wo neues Kapital bereitgestellt wird – also am Primärmarkt oder bei konkreten Projektfinanzierungen. Diese Anlageformen sind jedoch oft komplexer, weniger liquide, stärker risikobehaftet und häufig eher für sehr vermögende oder professionelle Anleger geeignet.
Deshalb ist nachhaltige Geldanlage ein wichtiger Baustein – aber nicht der einzige und auch nicht immer der wirksamste Weg, persönlich nachhaltiger zu handeln.
1. Nachhaltigkeit beginnt nicht im Depot
Wer Nachhaltigkeit ernst nimmt, sollte nicht nur auf das Depot schauen. Die Geldanlage ist ein Teilaspekt. Oft sind andere Maßnahmen direkter, greifbarer und wirkungsvoller.
Aus meiner Sicht gibt es vier Bereiche, in denen man persönlich ansetzen kann:
1.1 Die persönliche Umweltbilanz verbessern
Der direkteste Hebel liegt häufig im eigenen Alltag. Wohnen, Heizen, Stromverbrauch, Mobilität, Ernährung, Konsum und Reisen haben unmittelbare Auswirkungen auf die persönliche CO₂-Bilanz.
Wer wissen möchte, wo er steht, kann seine persönliche CO₂-Bilanz mit dem Rechner des Umweltbundesamtes ermitteln. Der UBA-CO₂-Rechner hilft dabei, den persönlichen CO₂-Fußabdruck auf wissenschaftlich fundierter Basis zu bestimmen. (CO2-Rechner)
Besonders relevant ist aktuell auch der Bereich Wohnen und Heizen. Gerade bei älteren Immobilien stellt sich häufig die Frage, ob und wann eine Heizung erneuert werden sollte. co2online bietet hierzu Ratgeberinformationen rund um Heizungstausch, Kosten, Fördermöglichkeiten und Modernisierung. (co2online)
Dieser Bereich ist oft sehr konkret: Eine energetische Sanierung, eine effizientere Heizung, weniger fossile Energie, bewussterer Stromverbrauch oder eine Veränderung der Mobilität können direkt messbare Effekte haben. Hier ist der Zusammenhang zwischen Entscheidung und Wirkung häufig deutlich klarer als bei einem Investmentfonds.
1.2 Nachhaltige Projekte unterstützen und fördern
Ein zweiter Hebel ist die direkte Unterstützung nachhaltiger Projekte. Das kann über Spenden, Fördermitgliedschaften, gemeinnützige Organisationen oder zertifizierte Klimaschutzprojekte geschehen.
Wer zum Beispiel einen Flug nicht vermeiden kann oder an anderer Stelle unvermeidbare Emissionen ausgleichen möchte, kann über zertifizierte Projekte einen Beitrag leisten. Der Gold Standard Marketplace bietet zertifizierte Klimaschutzprojekte an, die Treibhausgasemissionen reduzieren und zugleich nachhaltige Entwicklungswirkungen unterstützen sollen. (Gold Standard Marketplace)
Auch hier gilt: Kompensation ist nicht dasselbe wie Vermeidung. Besser ist es, Emissionen gar nicht erst entstehen zu lassen. Aber dort, wo Emissionen nicht vermeidbar sind, kann die Förderung hochwertiger Projekte ein ergänzender Beitrag sein.
Wichtig ist dabei die Qualität der Projekte. Der Markt für CO₂-Kompensation ist nicht frei von Kritik. Deshalb sollte man auf seriöse Standards, Transparenz und nachvollziehbare Wirkung achten.
1.3 Engagement im privaten Umfeld und in der Öffentlichkeit zeigen
Nachhaltigkeit ist nicht nur eine Frage individueller Konsumentscheidungen. Sie ist auch eine gesellschaftliche Aufgabe.
Wer im privaten Umfeld über Nachhaltigkeit spricht, im Unternehmen Veränderungen anregt, lokale Initiativen unterstützt oder sich politisch und gesellschaftlich engagiert, kann ebenfalls Wirkung erzielen.
Das muss nicht immer groß oder spektakulär sein. Es kann schon damit beginnen, mit Freunden, Familie oder Kolleginnen und Kollegen über konkrete Maßnahmen zu sprechen: Energie sparen, nachhaltiger konsumieren, Mobilität verändern, Gebäude modernisieren oder bewusster investieren.
Ein Beispiel für lokales Engagement ist die Münchner Initiative Nachhaltigkeit. Sie orientiert sich an den globalen Nachhaltigkeitszielen und setzt sich für nachhaltige Entwicklung in München ein. (MIN)
Gerade dieses Engagement wird oft unterschätzt. Denn gesellschaftliche Veränderung entsteht nicht nur durch Kapital, sondern auch durch Bewusstsein, Austausch, Druck, Vorbilder und politische Entscheidungen.
1.4 Nachhaltig investieren
Der vierte Baustein ist die nachhaltige Geldanlage. Um diesen Bereich geht es in diesem Artikel.
Nachhaltig investieren bedeutet, bei der Kapitalanlage nicht nur auf Rendite, Risiko und Liquidität zu achten, sondern auch ökologische, soziale und unternehmerische Kriterien einzubeziehen.
Dabei sollte man realistisch bleiben:
Nachhaltige Geldanlage kann helfen, das eigene Portfolio stärker an persönlichen Werten auszurichten. Sie kann bestimmte Branchen ausschließen, Nachhaltigkeitsrisiken berücksichtigen und Unternehmen bevorzugen, die aus ESG-Sicht besser abschneiden. Sie kann auch langfristig dazu beitragen, dass Kapitalmärkte nachhaltige Geschäftsmodelle höher bewerten.
Aber sie ersetzt nicht die persönliche CO₂-Reduktion, nicht politisches Engagement und nicht die direkte Förderung konkreter Projekte.
2. Was bedeutet nachhaltige Geldanlage?
Nachhaltige Geldanlage ist ein Sammelbegriff für Anlagestrategien, die neben finanziellen Kriterien auch ökologische, soziale und ethische Aspekte berücksichtigen.
Klassisch geht es bei einer Geldanlage um drei Fragen:
- Welche Rendite kann ich erwarten?
- Welche Risiken gehe ich ein?
- Wie schnell komme ich bei Bedarf an mein Geld?
Heute kommt eine vierte Frage hinzu:
Passt diese Anlage zu meinen Vorstellungen von Nachhaltigkeit und Verantwortung?
Damit entsteht aus dem klassischen Dreieck von Rendite, Sicherheit und Liquidität ein erweitertes Anlageverständnis. Nachhaltigkeit wird zu einem zusätzlichen Kriterium.
Wichtig ist aber: Nachhaltigkeit ersetzt die klassischen Anlageprinzipien nicht. Auch ein nachhaltiges Portfolio muss breit gestreut, kosteneffizient, liquide genug und zur persönlichen Risikobereitschaft passend aufgebaut sein.
Grafikempfehlung:
Hier passt Ihre bisherige Abbildung 3 sehr gut: Rendite, Sicherheit, Liquidität und Nachhaltigkeit. Ich würde diese Grafik beibehalten, aber modernisieren lassen.
3. ESG: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung
Ein zentraler Begriff bei nachhaltiger Geldanlage ist ESG. ESG steht für:
- E – Environmental / Umwelt
- S – Social / Soziales
- G – Governance / Unternehmensführung
Diese drei Bereiche beschreiben unterschiedliche Nachhaltigkeitsdimensionen.
Umwelt
Hier geht es zum Beispiel um:
- Klimaschutz
- CO₂-Emissionen
- Energieeffizienz
- Schutz der biologischen Vielfalt
- Wasserverbrauch
- Kreislaufwirtschaft
- Abfallvermeidung
- Umweltverschmutzung
Soziales
Hier geht es zum Beispiel um:
- Arbeitnehmerrechte
- faire Arbeitsbedingungen
- Gesundheitsschutz
- Produktsicherheit
- Menschenrechte
- Lieferketten
- Diversität
- Umgang mit Kundinnen und Kunden
Unternehmensführung
Hier geht es zum Beispiel um:
- Korruptionsvermeidung
- Transparenz
- Datenschutz
- Steuerverhalten
- Vergütungssysteme
- Unabhängigkeit von Aufsichtsgremien
- Rechte von Aktionären
- nachhaltige Unternehmensstrategie
ESG bedeutet also nicht nur „grün“. Ein Unternehmen kann aus Umweltsicht gut abschneiden, aber bei sozialen Themen oder Unternehmensführung Schwächen haben. Umgekehrt kann ein Unternehmen keine typisch „grünen“ Produkte herstellen, aber sehr verantwortungsvoll geführt sein und glaubwürdig an einer Transformation arbeiten.
Grafikempfehlung:
Ihre Abbildung 1 zu ESG ist inhaltlich weiterhin sinnvoll. Ich würde sie jedoch gestalterisch erneuern, damit sie moderner und besser lesbar wirkt.
4. Die 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen
Ein weiterer wichtiger Bezugsrahmen sind die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen, die sogenannten Sustainable Development Goals oder SDGs.
Diese Ziele umfassen weit mehr als Klimaschutz. Sie betreffen unter anderem Armut, Gesundheit, Bildung, Gleichstellung, sauberes Wasser, saubere Energie, menschenwürdige Arbeit, nachhaltige Städte, Klimaschutz, Biodiversität, Frieden und internationale Zusammenarbeit.
Viele nachhaltige Anlagestrategien beziehen sich auf diese Ziele. Das kann hilfreich sein, weil die SDGs verständlicher und anschaulicher sind als viele regulatorische Begriffe.
Trotzdem sollte man vorsichtig sein: Wenn ein Fonds einzelne SDGs nennt, bedeutet das nicht automatisch, dass mit der Geldanlage eine direkte und messbare Wirkung auf diese Ziele erzielt wird. Häufig geht es eher um eine thematische Zuordnung oder um die Frage, ob Unternehmen einen Bezug zu bestimmten Nachhaltigkeitszielen haben.
Grafikempfehlung:
Ihre SDG-Grafik kann im Artikel bleiben, aber eher ergänzend. Sie sollte nicht zu viel Raum einnehmen, weil sie zwar bekannt, aber für die konkrete Anlageentscheidung nur ein Orientierungsrahmen ist.
5. Was nachhaltige Geldanlage leisten kann
Nachhaltige Geldanlage kann durchaus sinnvoll sein. Sie kann helfen, persönliche Werte im Portfolio abzubilden und bestimmte Risiken besser zu berücksichtigen.
Sie kann insbesondere:
- bestimmte Branchen ausschließen
- kontroverse Unternehmen vermeiden
- ESG-Risiken systematisch berücksichtigen
- Unternehmen mit besseren Nachhaltigkeitsprofilen bevorzugen
- Klimarisiken stärker einbeziehen
- Portfolios an persönlichen Überzeugungen ausrichten
- langfristige Transformationsprozesse begleiten
- über Stimmrechtsausübung und Engagement Einfluss auf Unternehmen nehmen
Gerade der letzte Punkt ist wichtig: Bei großen institutionellen Anlegern kann Engagement eine Rolle spielen. Wenn große Fondsgesellschaften mit Unternehmen sprechen, Stimmrechte ausüben und Transparenz einfordern, kann dies einen gewissen Einfluss haben.
Für Privatanlegerinnen und Privatanleger ist dieser Einfluss jedoch indirekt. Wer einen nachhaltigen ETF kauft, finanziert in der Regel nicht unmittelbar ein neues nachhaltiges Projekt. Er beteiligt sich vielmehr an einem bestehenden Wertpapiermarkt.
Deshalb sollte nachhaltige Geldanlage nicht mit direkter Projektförderung verwechselt werden.
6. Was nachhaltige Geldanlage nicht leisten kann
Nachhaltige Geldanlage wird manchmal zu stark aufgeladen. Manche Anlegerinnen und Anleger erwarten, dass sie mit einem nachhaltigen Fonds direkt und messbar die Welt verbessern. Diese Erwartung ist meist zu hoch.
Nachhaltige Geldanlage kann in der Regel nicht garantieren, dass:
- mit jedem investierten Euro direkt ein neues nachhaltiges Projekt entsteht
- ein Unternehmen durch den Fondskauf unmittelbar mehr Kapital erhält
- Greenwashing vollständig ausgeschlossen ist
- höhere Renditen erzielt werden
- Risiken automatisch geringer sind
- das Portfolio vollständig frei von problematischen Unternehmen ist
- eine konkrete positive Wirkung messbar nachgewiesen werden kann
Das bedeutet nicht, dass nachhaltige Geldanlage sinnlos ist. Es bedeutet nur: Man sollte ihre Wirkung realistisch einschätzen.
Für viele Anlegerinnen und Anleger ist nachhaltige Geldanlage vor allem ein Weg, das eigene Vermögen nicht bewusst in Bereiche zu lenken, die den eigenen Werten widersprechen. Das ist legitim und wichtig. Aber es ist etwas anderes als direkter Impact.
7. Sekundärmarkt und Primärmarkt: Warum diese Unterscheidung wichtig ist
Ein entscheidender Punkt wird in der Diskussion häufig übersehen: der Unterschied zwischen Sekundärmarkt und Primärmarkt.
Sekundärmarkt
Am Sekundärmarkt werden bereits bestehende Wertpapiere gehandelt. Wenn Sie zum Beispiel einen Aktienfonds oder ETF kaufen, erwirbt der Fonds in der Regel Aktien, die bereits an der Börse notiert sind. Das Geld fließt dann nicht direkt an das Unternehmen, sondern an den Verkäufer dieser Wertpapiere.
Das kann dennoch Wirkung haben, etwa über Bewertungen, Nachfrage, Kapitalkosten und öffentliche Aufmerksamkeit. Aber der direkte Finanzierungseffekt ist begrenzt.
Primärmarkt
Am Primärmarkt wird neues Kapital bereitgestellt. Das kann zum Beispiel bei einer Kapitalerhöhung, einer Neuemission von Anleihen, einer Projektfinanzierung oder einer direkten Beteiligung der Fall sein.
Hier kann der Zusammenhang zwischen Kapital und Wirkung direkter sein. Allerdings sind solche Anlagen häufig:
- weniger liquide
- komplexer
- risikoreicher
- schwerer zu prüfen
- oft mit höheren Mindestanlagesummen verbunden
- eher für sehr vermögende oder professionelle Anleger geeignet
Deshalb ist die Aussage wichtig:
Wer als Privatanleger über Fonds oder ETFs nachhaltig investiert, kann Werte ausdrücken und Nachhaltigkeitsrisiken berücksichtigen. Direkter Impact entsteht aber eher dort, wo neues Kapital in konkrete Projekte fließt.
Genau deshalb stehen aus meiner Sicht die ersten drei Nachhaltigkeitshebel – persönliche Umweltbilanz, direkte Projektförderung und gesellschaftliches Engagement – oft vor der nachhaltigen Geldanlage, wenn es um unmittelbare Wirkung geht.
8. Greenwashing: Warum genaues Hinsehen notwendig bleibt
Je größer das Interesse an nachhaltigen Anlagen geworden ist, desto stärker ist auch das Risiko von Greenwashing.
Greenwashing bedeutet, dass ein Produkt nachhaltiger dargestellt wird, als es tatsächlich ist. Im Finanzbereich kann das bedeuten, dass Fonds mit Begriffen wie „nachhaltig“, „grün“, „ESG“, „Impact“ oder „Climate“ beworben werden, obwohl die tatsächlichen Kriterien schwach oder unklar sind.
Typische Warnsignale sind:
- sehr allgemeine Nachhaltigkeitsaussagen
- keine klaren Ausschlusskriterien
- keine Angaben zu Mindestanteilen
- schöne Marketingbilder statt konkreter Daten
- unklare ESG-Methodik
- fehlende Transparenz über Portfoliowerte
- keine nachvollziehbare Berichterstattung
- Nachhaltigkeitsversprechen ohne messbare Kennzahlen
Die europäische Wertpapieraufsicht ESMA hat deshalb Leitlinien für Fondsnamen mit ESG- oder nachhaltigkeitsbezogenen Begriffen veröffentlicht. Fonds, die solche Begriffe im Namen verwenden, sollen unter anderem eine Mindestquote von 80 Prozent der Anlagen verwenden, um die beworbenen ökologischen oder sozialen Merkmale beziehungsweise nachhaltigen Ziele zu erfüllen. (ESMA)
Das ist ein wichtiger Schritt, aber kein vollständiger Schutz. Auch künftig bleibt entscheidend, genau hinzuschauen.
9. Die EU-Taxonomie: Was gilt als ökologisch nachhaltig?
Die EU-Taxonomie ist ein Klassifizierungssystem für ökologisch nachhaltige wirtschaftliche Aktivitäten. Sie soll eine gemeinsame Sprache schaffen, damit Unternehmen, Finanzmarktteilnehmer und Anleger besser einordnen können, welche Aktivitäten als ökologisch nachhaltig gelten können. (Finance)
Die EU-Taxonomie umfasst sechs Umweltziele:
- Klimaschutz
- Anpassung an den Klimawandel
- Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
- Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft
- Vermeidung und Verminderung von Umweltverschmutzung
- Schutz und Wiederherstellung von Biodiversität und Ökosystemen
Damit eine wirtschaftliche Aktivität als taxonomiekonform gilt, muss sie unter anderem einen wesentlichen Beitrag zu mindestens einem dieser Umweltziele leisten, darf die anderen Umweltziele nicht erheblich beeinträchtigen und muss bestimmte Mindestschutzstandards erfüllen.
Wichtig ist: Die Taxonomie bewertet wirtschaftliche Aktivitäten, nicht einfach ganze Unternehmen als „gut“ oder „schlecht“. Ein Unternehmen kann also teilweise taxonomiekonforme Aktivitäten haben und gleichzeitig andere Aktivitäten ausüben, die nicht darunterfallen.
Für Privatanlegerinnen und Privatanleger ist die Taxonomie hilfreich, aber nicht einfach. Viele Daten sind komplex, und hohe Mindestquoten können die Produktauswahl stark einschränken.
10. Artikel 6, Artikel 8 und Artikel 9: Orientierung ja, Gütesiegel nein
Viele Fonds werden heute nach der EU-Offenlegungsverordnung in Artikel 6, Artikel 8 oder Artikel 9 eingeordnet.
Vereinfacht gesagt:
Artikel 6
Diese Produkte berücksichtigen keine besonderen Nachhaltigkeitsmerkmale oder verfolgen keine nachhaltige Anlagestrategie im Sinne der Offenlegungsverordnung. Sie werden umgangssprachlich manchmal als „braun“ bezeichnet.
Diese Bezeichnung ist allerdings stark vereinfacht. Ein Artikel-6-Fonds ist nicht automatisch ein schlechter Fonds. Er ist nur nicht als nachhaltiges Produkt positioniert.
Artikel 8
Artikel-8-Produkte bewerben ökologische oder soziale Merkmale. Sie werden häufig als „hellgrün“ bezeichnet.
Das kann zum Beispiel bedeuten, dass bestimmte Branchen ausgeschlossen, ESG-Kriterien berücksichtigt oder Unternehmen mit besseren Nachhaltigkeitsprofilen bevorzugt werden.
Artikel 9
Artikel-9-Produkte verfolgen ein nachhaltiges Investitionsziel. Sie werden häufig als „dunkelgrün“ bezeichnet.
Hier ist die Nachhaltigkeitsausrichtung ambitionierter. Trotzdem sollte geprüft werden, welches Ziel verfolgt wird, wie es gemessen wird und welche Unternehmen oder Projekte tatsächlich enthalten sind.
Wichtig:
Artikel 8 und Artikel 9 sind keine offiziellen Gütesiegel. Sie sind regulatorische Offenlegungskategorien. Sie sagen nicht automatisch, dass ein Produkt besser, wirkungsvoller oder für jeden Anleger geeigneter ist.
Grafikempfehlung:
Ihre Abbildung 5 kann verwendet werden, aber unbedingt mit dem Zusatz:
„Artikel 8 und Artikel 9 sind Offenlegungskategorien – keine Qualitätssiegel.“
11. Nachhaltigkeitspräferenzen in der Anlageberatung
Seit dem 2. August 2022 müssen Nachhaltigkeitspräferenzen in der Anlageberatung und Finanzportfolioverwaltung berücksichtigt werden. Die BaFin weist darauf hin, dass Beraterinnen und Berater seit diesem Zeitpunkt gesetzlich verpflichtet sind, Kundinnen und Kunden nach ihren Nachhaltigkeitspräferenzen zu fragen. (BaFin)
Das klingt einfach, ist in der Praxis aber erklärungsbedürftig. Viele Anlegerinnen und Anleger können mit Begriffen wie Taxonomiequote, nachhaltige Investitionen nach Offenlegungsverordnung oder PAI-Indikatoren zunächst wenig anfangen.
Deshalb sollte die Nachhaltigkeitsabfrage kein Formularritual sein, sondern Teil eines echten Beratungsgesprächs.
Die Grundfrage lautet:
Soll Ihre Geldanlage neben finanziellen Zielen auch ökologische, soziale oder ethische Aspekte berücksichtigen?
Wenn ja, geht es anschließend um die konkrete Ausgestaltung:
- Möchten Sie bestimmte Bereiche vermeiden?
- Möchten Sie positive Entwicklungen fördern?
- Sind Ihnen Umweltaspekte besonders wichtig?
- Sind Ihnen soziale Aspekte besonders wichtig?
- Möchten Sie Mindestanteile nachhaltiger Investitionen festlegen?
- Wie wichtig ist Ihnen Nachhaltigkeit im Verhältnis zu Rendite, Risiko, Kosten und Streuung?
12. Positives fördern oder Negatives vermeiden?
Bei nachhaltiger Geldanlage gibt es zwei Grundrichtungen.
Negatives vermeiden
Hier werden bestimmte Branchen, Unternehmen oder Geschäftspraktiken ausgeschlossen.
Beispiele:
- kontroverse Waffen
- schwere Menschenrechtsverletzungen
- Korruption
- Kinderarbeit
- Tabak
- Kohle
- besonders klimaschädliche Geschäftsmodelle
Dieser Ansatz ist für viele Anlegerinnen und Anleger gut nachvollziehbar. Er bedeutet: Mein Geld soll nicht in bestimmte Bereiche fließen.
Positives fördern
Hier werden Unternehmen oder Projekte bevorzugt, die zu bestimmten Zielen beitragen.
Beispiele:
- erneuerbare Energien
- Wasseraufbereitung
- nachhaltige Infrastruktur
- Energieeffizienz
- Kreislaufwirtschaft
- Bildung
- Gesundheit
- nachhaltige Mobilität
Dieser Ansatz klingt besonders attraktiv, ist aber anspruchsvoller. Denn die tatsächliche Wirkung ist bei börsengehandelten Fonds und ETFs oft schwer messbar.
Transformation begleiten
Ein dritter Ansatz ist die Begleitung von Unternehmen, die heute noch nicht perfekt nachhaltig sind, aber glaubwürdig an einer Transformation arbeiten.
Beispiele:
- Energieversorger, die erneuerbare Energien ausbauen
- Industrieunternehmen, die ihre CO₂-Emissionen senken
- Automobilhersteller, die auf emissionsärmere Mobilität umstellen
- Immobilienunternehmen, die Gebäude energetisch sanieren
Dieser Ansatz ist realistisch, weil die nachhaltige Transformation nicht nur bei bereits „grünen“ Unternehmen stattfindet. Sie muss auch in bestehenden Branchen gelingen.
13. Passive Geldanlage und Nachhaltigkeit
Viele Anlegerinnen und Anleger investieren heute kostengünstig und breit gestreut über ETFs oder Indexfonds. Auch hier gibt es nachhaltige Varianten.
Dabei werden klassische Indizes meist verändert, gefiltert oder nach ESG-Kriterien gewichtet.
Typische Methoden sind:
- Ausschluss bestimmter Branchen
- Ausschluss kontroverser Unternehmen
- Best-in-Class-Ansätze
- ESG-Screening
- niedrigere CO₂-Intensität
- stärkere Gewichtung besser bewerteter Unternehmen
- Paris-aligned Benchmarks
- Climate-Transition-Benchmarks
Der Vorteil solcher Strategien liegt in der breiten Streuung und meist vergleichsweise niedrigen Kosten.
Der Nachteil: Ein nachhaltiger ETF enthält nicht automatisch nur Unternehmen, die man intuitiv als nachhaltig bezeichnen würde. Häufig wird ein breites Anlageuniversum lediglich nach bestimmten Regeln angepasst.
Deshalb lohnt sich ein Blick auf:
- Indexmethodik
- Ausschlusskriterien
- größte Positionen
- Branchengewichtung
- Ländergewichtung
- CO₂-Kennzahlen
- Kosten
- Stimmrechtsausübung des Anbieters
14. Nachhaltigkeit darf Diversifikation nicht ersetzen
Auch bei nachhaltiger Geldanlage bleibt ein Grundsatz unverändert:
Diversifikation ist entscheidend.
Wer sehr strenge Nachhaltigkeitskriterien anwendet, verkleinert das Anlageuniversum. Das kann gewollt und sinnvoll sein. Es kann aber auch dazu führen, dass bestimmte Branchen, Regionen oder Unternehmen stark unter- oder übergewichtet werden.
Deshalb sollte ein nachhaltiges Portfolio weiterhin:
- global gestreut sein
- unterschiedliche Branchen berücksichtigen
- verschiedene Regionen abdecken
- zur persönlichen Risikobereitschaft passen
- ausreichend liquide sein
- kosteneffizient umgesetzt werden
- langfristig ausgerichtet sein
Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Kriterium. Aber sie sollte nicht dazu führen, dass bewährte Anlageprinzipien über Bord geworfen werden.
15. Was wir bei Die Finanzcoaches unter nachhaltiger Geldanlage verstehen
Bei Die Finanzcoaches betrachten wir nachhaltige Geldanlage nicht isoliert. Sie ist Teil einer umfassenden Finanzplanung.
Das bedeutet: Wir schauen nicht nur auf ein einzelnes Produkt, sondern auf Ihre Ziele, Ihre Werte, Ihre Risikobereitschaft, Ihren Anlagehorizont, Ihre Liquidität und Ihre gesamte Vermögensstruktur.
Dabei geht es um Fragen wie:
- Welche Rolle soll Nachhaltigkeit in Ihrer Geldanlage spielen?
- Wollen Sie vor allem problematische Bereiche vermeiden?
- Wollen Sie bestimmte positive Entwicklungen fördern?
- Wie wichtig ist Ihnen eine möglichst breite Streuung?
- Welche Einschränkungen beim Anlageuniversum sind für Sie akzeptabel?
- Wie wichtig sind Kosten und Transparenz?
- Soll die Umsetzung eher pragmatisch „hellgrün“ sein?
- Oder wünschen Sie eine konsequentere nachhaltige Ausrichtung?
- Welche Wirkung erwarten Sie tatsächlich von Ihrer Geldanlage?
Gerade die letzte Frage ist entscheidend. Denn nachhaltige Geldanlage sollte ehrlich besprochen werden. Wer unmittelbaren Impact erzielen möchte, sollte wissen, dass dies über klassische Fonds und ETFs nur begrenzt möglich ist. Wer dagegen sein Portfolio an persönlichen Werten ausrichten und bestimmte Nachhaltigkeitsrisiken berücksichtigen möchte, kann über nachhaltige Investmentlösungen durchaus sinnvolle Wege finden.
16. Häufige Missverständnisse
Missverständnis 1: Nachhaltige Fonds verbessern automatisch die Welt
Nicht automatisch. Besonders bei Anlagen am Sekundärmarkt ist die direkte Wirkung begrenzt. Nachhaltige Fonds können Werte ausdrücken, Risiken berücksichtigen und langfristige Kapitalmarkttrends beeinflussen. Direkte Projektwirkung ist aber etwas anderes.
Missverständnis 2: Artikel 9 ist immer besser als Artikel 8
Nicht zwingend. Artikel 9 ist nachhaltiger ausgerichtet, aber nicht automatisch für jedes Portfolio besser geeignet. Entscheidend sind Strategie, Kosten, Streuung, Risiko und tatsächliche Umsetzung.
Missverständnis 3: ESG bedeutet automatisch Impact
ESG kann auch bedeuten, Risiken zu analysieren oder Unternehmen zu bewerten. Das ist nicht dasselbe wie messbarer gesellschaftlicher oder ökologischer Impact.
Missverständnis 4: Nachhaltigkeit kostet immer Rendite
Das lässt sich pauschal nicht sagen. Nachhaltige Strategien können besser oder schlechter abschneiden als klassische Strategien. Entscheidend sind Zeitraum, Marktumfeld, Kosten, Strategie und Portfoliostruktur.
Missverständnis 5: Nachhaltigkeit ist nur Klimaschutz
Nachhaltigkeit umfasst auch soziale Themen, Menschenrechte, Arbeitnehmerbelange, Korruptionsvermeidung, Datenschutz und gute Unternehmensführung.
17. Fazit: Nachhaltig investieren heißt bewusst investieren
Nachhaltige Geldanlage ist kein Wundermittel. Sie ist aber ein wichtiger Bestandteil bewusster Finanzplanung.
Wer nachhaltig investieren möchte, sollte realistisch bleiben. Bei klassischen Fonds und ETFs entsteht der direkte Impact meist nicht dadurch, dass unmittelbar ein neues Projekt finanziert wird. Gerade am Sekundärmarkt ist die Wirkung indirekter. Das schmälert nicht den Wert nachhaltiger Anlagestrategien, aber es verhindert falsche Erwartungen.
Aus meiner Sicht stehen deshalb vier Ebenen nebeneinander:
- Die persönliche Umweltbilanz verbessern
- Nachhaltige Projekte direkt unterstützen
- Engagement im privaten Umfeld oder in der Öffentlichkeit zeigen
- Nachhaltig investieren
Die ersten drei Ebenen können häufig direkter wirken. Die vierte Ebene – nachhaltiges Investieren – hilft vor allem dabei, das eigene Vermögen bewusster auszurichten, bestimmte Risiken zu berücksichtigen und persönliche Werte im Portfolio abzubilden.
Entscheidend ist nicht, jedem grünen Etikett zu glauben. Entscheidend ist, zu verstehen:
- Was steckt wirklich im Portfolio?
- Welche Nachhaltigkeitskriterien werden angewendet?
- Welche Wirkung ist realistisch?
- Welche Risiken bleiben bestehen?
- Passt die Anlage zu meinen finanziellen Zielen?
- Passt sie zu meinen persönlichen Werten?
Nachhaltig investieren bedeutet deshalb vor allem: bewusst investieren.
Nicht jedes nachhaltige Produkt ist automatisch eine gute Geldanlage. Aber eine gute Geldanlage sollte heute Nachhaltigkeitsrisiken, persönliche Präferenzen und die langfristige Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft zumindest bewusst berücksichtigen.
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Die Finanzcoaches
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E-Mail: nfd-fnnzcchsd
Disclaimer
Die vorstehenden Darstellungen dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen keine Anlageberatung dar, insbesondere enthalten sie kein Angebot und keine Aufforderung zur Abgabe eines Angebotes bezüglich des Erwerbs oder der Veräußerung eines Finanzinstruments. Vor einer solchen Entscheidung sollten Sie sich unter Berücksichtigung Ihrer persönlichen Vermögensverhältnisse individuell beraten lassen. Die Gültigkeit der Informationen ist auf den Zeitpunkt ihrer Erstellung beschränkt und kann sich je nach Marktentwicklung ändern. Die in den Darstellungen enthaltenen Informationen stammen aus zuverlässigen Quellen. Eine Garantie für deren Richtigkeit können wir allerdings nicht übernehmen. Wertentwicklungen aus der Vergangenheit, Simulationen oder Prognosen sind keine Garantie und kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Performance. Geschäfte mit Finanzinstrumenten sind grundsätzlich mit Risiken, insbesondere dem Risiko des Totalverlustes des eingesetzten Kapitals, behaftet.
